4 Läufe am Tag (k)ein Problem?

Mrz 31st, 2015 | By GK | Category: Informationen

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von Assoc. Prof. Dr. habil. Sandra Goericke-Pesch

Das Problem: Das „Problem“ ist in der FCI-Rennordnung unter dem Passus „4.15.1 Austragungsbestimmungen“ zu finden, wurde am 12.4.2012 in Wien genehmigt und ist seit 1.7.2012 in Kraft. Es steht explizit, dass für FCI-Meisterschaftsrennen die Finalteilnehmer nach folgendem Modus zu ermitteln sind: Jeder Hund läuft einen Vorlauf nach Zeit, ein zweiter Vorlauf ist fakultativ möglich. Die 18 zeitschnellsten Hunde laufen in drei Halbfinalläufen, wobei die beiden erstplatzierten Hunde aus jedem Halbfinale sich für das Finale qualifizieren. Das bedeutet, dass die Hunde bei solchen Rennen (EM, WM, aber auch bei allen internationalen Rennen, wo sich der ausrichtende Verein für dieses System entscheidet) an einem Tag bis zu viermal laufen müssen. Für Greyhounds ist nur ein Vorlauf Pflicht (ein zweiter ist fakultativ möglich) und die sechs schnellsten Zeiten laufen im Finale.

Meinungen: Die meisten Besitzer werden sich rassenunabhängig darüber einig sein, dass es für einen Rennhund nicht zumutbar ist, im Laufe eines Tages 4 Läufe zu absolvieren (zumal der Renntag i.d.R. gegen 8.00/8.30 Uhr beginnt und gegen 17.00/18.00 Uhr endet). Andererseits wird es Besitzer geben, die dies mit der Aussage kommentieren „Wenn wir Gassi gehen/trainieren, läuft mein Hund sowieso so viel, das macht ihm nichts.“ Wieder andere werden sagen: „Es betrifft doch eh nur die 6 besten Hunde, die es dann am Ende bis ins Finale schaffen. Warum sich also aufregen.“ Dieselben Leute werden möglicherweise hoffen, dass ihr Hund dazugehört und ihn deshalb „sicherheitshalber“ einen 2. Vorlauf machen lassen, damit er sich einen Finalplatz sichert oder ihn behält. Die letzte Gruppe wird sagen: „Mein Gott, die Greyhounds kriegen doch schon ein Extrawürstchen - wie immer; was muss „die“ sich denn darüber aufregen.“ Oder „Ja, kennen wir schon, ist ja schon seit 1.7.2012 in Kraft. War kein Problem.“

Fakt: Fakt ist, dass es keine Daten von anderen Rassen über die Belastung beim Rennen gibt und man sich deshalb zwangsweise immer auf Greyhounds und die an ihnen erhobenen Untersuchungen beruft.

Die vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchungen beziehen sich zudem stets auf Daten, die vor, während und nach einem Lauf (400-800 m) erhoben wurden. Diese Daten zeigen eindeutig, dass es bei trainierten Greyhounds unabhängig von der Lauflänge zu signifikanten Veränderungen im Blut (Hämatokrit, Gesamtprotein, Elektrolyte, Laktat, pH-Wert und Temperatur), aber auch in der Muskulatur (Laktat, pH-Wert, Glykogengehalt etc.) kommt. Während Gesamtprotein und Elektrolyte im Blut nach spätestens 30 Minuten wieder die Werte des Ruhezustandes erreichen, gilt dies nicht für Laktat, den Blut-pH und die Temperatur. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch eine Gabe von einem Puffer (um das entstehende Laktat abzufangen) vor dem Lauf entgegen der Erwartungen dies nicht änderte. Nur, um Ihnen eine Vorstellung zu geben: Laktat steigt bei/nach einem Sprint bis zu 20-fach an, der Blut-pH fällt von im Mittel 7,39 auf 6,9 und die Temperatur steigt von im Mittel 38,6°C auf 40,8°C (Normalbereich Hund: 38-39°C).

Generell wird davon ausgegangen, dass die Zusammensetzung der Greyhoundmuskulatur die „optimierte“ Version aller anderen (Wind-) Hunderassen, aber auch der des Menschen darstellt und dass deshalb die kurzfristige Hochleistung, die zwangsweise aus anaerober (ohne Sauerstoff) Energiegewinnung erfolgen muss, kein Problem darstellt. Wenngleich Untersuchungen an entsprechenden „Sprintmuskeln“ von Greyhounds auch zeigen, dass der bevorzugte „Treibstoff“ für den Sprint erwartungsgemäß Glykogen ist und die Energiegewinnung v.a. anaerob erfolgt, so unterscheiden sich die Pufferkapazität und der Muskelaufbau der relevanten Muskeln jedoch nicht signifikant von anderen Spezies (menschlichen Leistungssportlern, Rennpferden, Ratten oder „normalen“ Hunden).

Exogene Glucose-Gaben (z.B. in Form von Traubenzucker) spielen als „Treibstoff“ für die Sprintbelastung keine entscheidende Rolle. Der Glykogengehalt ausgewählter, untersuchter Muskeln war nach einem Sprint über 800 m um im Mittel 70% reduziert. Dies entspricht einem um mehr als 25% höheren Glykogenverbrauch eines Greyhoundmuskels bei entsprechendem Sprint als bei dem entsprechenden „Sprintmuskel“ eines Vollblutpferdes bei gleicher Belastung. Während eine kurzfristige Bereitstellung „schneller“ Energie (ATP) innerhalb von Sekunden bis Minuten möglich ist, erfordert die Glykogen-Neusynthese mehrere Stunden.

Man geht davon aus, dass bei völliger Entleerung die Muskelglykogenspeicher erst nach 1-3 Tagen wieder vollständig aufgefüllt sind. Ob dieses Wissen, die Basis für die Regel der englischen Profis, dass ein Greyhound unter keinen Umständen mehr als 2 Läufe pro Tag absolvieren darf (Race Regulations des Greyhound Board of Great Britain, Rule 147), darstellt, ist nicht klar, da im Regelwerk (leider) keinerlei Begründung geliefert wird.

Interessanter und sicherlich Fakt ist, dass das Verletzungsrisiko mit steigender Anzahl an Belastungen (d.h. Rennen) steigt, und aus einem kleinen Muskelfaserriß, der oft unbemerkt entsteht, ein Muskelriß 1.-3. Grades werden kann. Diese, insbesondere kleineren Verletzungen werden zum jetzigen Zeitpunkt in keinster Weise ausreichend während des Rennens bzw. danach erfasst bzw. können nicht erfasst werden. So gehen i.d.R. nur größere Verletzungen in die Statistik ein und werden gemeldet. Teilweise ist es so, dass Besitzer Verletzungen aus verschiedensten Gründen gar nicht dem Bahntierarzt melden (und der weiß es ohne Meldung auch nur, wenn ein Hund auf 3 Beinen oder gar nicht mehr von der Bahn kommt) oder kleinere bis mittelgroße Probleme dem erfahrenen Hundebesitzer erst am nächsten Tag (in Ruhe) auffallen. Betrachtet man andere tierische „Leistungssportler“, so werden nur bei Trabrennpferden noch Heatrennen (Rennen über mehrere Läufe am gleichen Tag im Stunden-Abstand, d.h. die Pferde treten mehrmals gegeneinander an) durchgeführt, bei Galopprennpferden ist dies nicht zulässig.

Meine tierärztliche Meinung: Aus tierärztlicher Sicht (nicht ausreichende Regenerationszeiten, Verletzungsrisiko etc.) ist es nach derzeitigem Wissenstand ethisch nicht vertretbar, dass die Hunde bis zu 4 Läufe pro Tag bei internationalen Titelrennen (übrigens auch bei nationalen Rennen, wenn der Verein das möchte) absolvieren müssen.

Was wir bräuchten: Um die tatsächlichen Auswirkungen, einschließlich möglicher nachteiliger Auswirkungen des Vierlaufsystems zu ermitteln und demnach die Zweifelhaftigkeit desselben zu beweisen, sind Untersuchungen der Hunde (klinische Untersuchungen inkl. Zeit bis zum erneuten Erreichen des Ruhepulses, Blutparameter unter besonderer Berücksichtigung des Säure-Basen-Status und der Muskelenzyme, Harnuntersuchungen auf den Anteil an Muskelfarbstoff als Maß für den erfolgten Muskelschaden sowie orthopädische bzw. pyhsiotherapeutische Untersuchungen) in Ruhe, vor dem ersten Lauf sowie zu definierten Zeitpunkten nach jedem weiteren Lauf (idealerweise, aber nicht realistisch, hochfrequent und auch während der Läufe) bei allen Rassen zwingend erforderlich. Um den Rennbetrieb nicht zu beeinträchtigen/gefährden, wäre die Probenentnahme an einem eigens definierten Trainingstag unter „Rennbedingungen“ mit adäquater Beteiligung eine geeignete Alternative.

Da dies aber enormen technischen und finanziellen Aufwand bedeutet (und sich nur schwierig ein Sponsor für ein solches Projekt finden lässt) sowie dies vermutlich weder von den meisten Besitzern („Mein armer Hund“, „So ein Streß“, „Nein, im Rennen möchte ich ihm das nicht zumuten“, „Er/Sie muss sich erholen“ - verständliche Argumentationen) noch von der FCI bzw. vom DWZRV erwünscht ist bzw. finanziert würde, werden wir wohl mit Meinungen und Spekulationen leben müssen. Schade eigentlich!

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Zum gleichen Thema die Meinung des Tierarztes Dr. Michael:

„Mehr als zwei Läufe bei einem Windhundrennen an einem Tag bei allen Windhundrassen sind aus tiermedizinscher Sicht für die Gesundheit der Hunde bedenklich. Bei allen Windhundrassen deshalb, weil aus meiner Erfahrung durch die Leistungssteigerung der letzten Jahre insbesondere auch bei den Whippets das Risiko von rennbedingten Verletzungen zugenommen hat.“

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