Que vadis, Greyhound?

Apr 2nd, 2016 | By GK | Category: Informationen

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Die UW-Ausgabe 11/2015 hat mich fasziniert, und ich möchte es nicht unterlassen, den Verantwortlichen meinen herzlichen Dank für ihre Arbeit und ein riesiges Kompliment auszusprechen. Was mich aber ausserordentlich gestört hat, ist die einseitige Darstellung des Greyhounds. Offenbar existiert bei gewissen Leuten der Renn-Grey überhaupt nicht!

„Der Greyhound ist das Vollblut unter den Hunden und der Windhund schlechthin.“ So wird der Greyhound auf der Homepage des DWZRV sehr treffend beschrieben. „Das Laufen ist Lebensbedingung für einen Greyhound. Er verkümmert, wenn er seinem Bewegungsdrang nicht nachgeben kann. Darum gehen wir mit unseren Hunden zu Trainings oder Rennen. Ein Feld Greyhounds bietet ein Bild von Rasanz, vollendeter Eleganz, Kraft und Harmonie.“ Auch im FCI-Standard des Greyhounds steht unter dem Titel „Verwendung: Rennhund“.

Wir sind uns hoffentlich alle einig, dass der Greyhound zum Laufen geboren ist. Ob er nun für sich allein seine Runden dreht oder bei Coursings oder Rennen wettkampfmässig eingesetzt wird, ist meines Erachtens zweitrangig. Eine Tatsache ist aber, dass die Verletzungsgefahr für wirklich schnelle Greyhounds bei einem Coursing enorm gross ist. Sowohl für Renn- wie auch für Coursingeinsätze braucht aber der Grey eine entsprechende Vorbereitung. Dass der Hund bei einem gewissenhaften, gezielten Trainingsaufbau automatisch an Muskulatur zunimmt, dürfte jedermann klar sein, wird aber von vielen Ausstellungsrichtern gar nicht gern gesehen! „Der Hund ist zu muskulös!“, steht dann im Richterbericht. Viel lieber wird eine „tiefe Brust“ hervorgehoben, deren Funktionalität oft zu Zweifeln anregt.

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Solange die grosse Zahl der Ausstellungsrichter den Ausstellungs-Grey als alleinigen standardgemässen Greyhound betrachtet und Renn-Greys teilweise mit beleidigenden, arroganten und überheblichen Kommentaren aus dem Ring entlässt, wage ich zu bezweifeln, ob diese Richter überhaupt wissen, welche Bedürfnisse diese herrlichen Windhunde von der Veranlagung her an uns Menschen stellen. Glücklicherweise gibt es aber noch einige (wenige) Richter, welche auch auf internationalen Ausstellungen jene dem FCI-Standard absolut entsprechende Rennhunde würdigen.

Besondere Erwähnung verdient übrigens die Tatsache, dass ein Richter, der auf Ausstellungen selbst den Ausstellungs-Grey (wie leider so viele Richter!) als einzigen und alleinigen Grey-Typ gelten lässt, selber in England einen Greyhound besitzt, der regelmässig bei Rennen eingesetzt wird!

Heute ist wissenschaftlich belegt, dass „Ausstellungs-Greyhounds“ und „Renn-Greyhounds“ zwei verschiedene Hunderassen sind. Wäre es darum nicht nur sinnvoll sondern geradezu zwingend, diese beiden Hunderassen auch separat zu richten? Nun, das Problem ist nicht neu! Bereits in den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurde bei Ausstellungen die spezielle Klasse „Rennhunde“ parallel zur offenen Klasse ausgeschrieben. Da jedoch die FCI eine Reduktion der Ausstellungsklassen forderte, wurde diese Klasse damals wieder aufgehoben.

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Schönheit oder Leistung?

Meiner Meinung nach kann es zur Erhaltung dieser wunderbaren Windhundrasse nur Eines geben: Schönheit UND Leistung! Um dieses Ziel zu erreichen, bräuchte es Ausstellungsrichter, welche auch Renn-Greys als Greyhounds anerkennen würden. Heutzutage trifft man aber leider nur noch wenige Richter an, die auch an CACIB-Ausstellungen diese Ansicht vertreten.

Wie wäre es beispielsweise, wenn man für die Greyhounds als Teilnahmebedingung für ein CACIL-Rennen eine Mindestbewertung „sehr gut“ an einer Ausstellung verlangen würde?

Gegengleich wäre zur Teilnahme an einer CACIB-Ausstellung eine Renn- oder Coursinglizenz oder zumindest die Beglaubigung eines rennmässig gelaufenen Trainingslaufs auf der Rennbahn oder eines einwandfrei absolvierten Coursinglaufs vorzuweisen.

Wenn im genannten Artikel die Rennleute als Betreiber eines Extremsports dargestellt und mit den Betreibern des Formel 1-Sports verglichen werden, wenn behauptet wird, es gehe den Liebhabern des Rennsports meist um das Erzielen neuer Rekordzeiten auf flachem Geläuf und in den heutigen Tagen fast ausschliesslich auf Sand, dann zeigt dies klar, welch abschätzige Meinung diese extrem ausstellungslastigen Greybesitzer vom Einsatz unserer Lieblinge auf der Rennbahn haben. Bezeichnenderweise sind diese Leute auch nie bei Rennveranstaltungen anzutreffen und bilden sich ihre negative Meinung offenbar mit den Auswüchsen des professionell betriebenen Grey-Rennsports vor allem in England und Irland.

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Auch unsere Greyhounds sind Familienhunde! Ein unterschwellig zu lesender Hinweis auf Fanatismus muss klar zurückgewiesen werden; heutzutage geht es bei Rennveranstaltungen unter den „Greyleuten“ weit friedlicher und weniger ehrgeizig zu als vergleichsweise bei Ausstellungen oder Coursings.

Beruhigend ist die Tatsache, dass auf der Liste der von 2008 bis 2015 in Deutschland gekörten Greyhound-Rüden von 54 Hunden 32 Renn-Greys sind. Das sind doch immerhin 59,3 %!

Mit diesem Hintergrund ist zu hoffen, dass uns der faszinierende Greyhound-Rennsport erhalten bleibt.

Ich bin mir bewusst, dass ich mit meinem Bericht in ein riesiges Fettnäpfchen trete und in gewissen Kreisen keine neuen Freunde gewinne, stehe aber voll und ganz hinter meinen Aussagen. „Leben und leben lassen“ war schon immer eines meiner Lebensmottos, ist aber nur mit Toleranz und gesundem Menschenverstand, weniger mit Überheblichkeit und Arroganz zu erreichen.

In diesem Sinne hoffe ich, dass unsere „Renn-Greys“ auch bei Liebhabern der „Ausstellungs-Greys“ in zunehmendem Masse wieder jene Beachtung erhalten, die sie zweifelslos verdienen.

Bergdietikon/CH, Walter Brändle

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